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Wer ist Alan Smithee?

31. März 2018
Alan Smithee POST

Eines meiner liebsten Familienrituale ist das alljährliche, nächtliche Ansehen des Films „Dune – der Wüstenplanet“ mit meinem Vater.
Seit ich diesen Streifen erstmals als sehr kleiner Bub gesehen habe, war ich fasziniert von dieser Aura des Merkwürdigen welche den Film umgibt.
Und wer wollte nicht schon immer mal Sting schlecht schauspielern sehen?
Wie dem auch sei – zurück zu meinem Ritual. Neulich stand es wieder an: Dune lief nachts im Fernsehen, mein Vater und ich machten es uns auf dem Sofa gemütlich und fröhnten 3 Stunden lang herrlichem Irrsinn.
Als geübter Dune-Gucker und Filmfan weiss man natürlich auch, wer diesen schrägen Streifen verbrochen hat: David Lynch.
Der Mann, der beispielsweise auch hinter Mulholland Drive und Eraserhead steckt.
Doch etwas komisches geschah zu Beginn des Films: Statt David Lynch soll den Film ein „Alan Smithee“ gedreht haben…

dune smithee

Alan wer?

Trotz einer herrlich nostalgischen Filmnacht ließ mich die Frage nicht los: Wer zum Henker ist dieser Alan Smithee? Habe ich den Film fälschlicherweise Lynch zugeschrieben? Wieso? Und was hat der Kerl noch gedreht?
Ein Blick auf imdb.com zeigte mir unglaubliches: 105 Einträge auf Alan Smithee als Regisseur. Auf den zweiten Blick entdeckte ich sogar mir bekannte Filme:
Hellraiser: Bloodline, Mighty Ducks: The Movie, sogar der widerliche „Die Vögel II“ soll von dem Kerl gedreht worden sein.
Handelt es sich hier um den geistigen Bruder von Ed Wood? Den Cousin von Uwe Boll?
Habe ich all die Jahre die Werke eines komplett talentfreien Regisseurs verpasst?
Und warum kam noch keiner seiner Streifen bei SchleFaZ?

Der Mann, die Legende

Nach kurzer Recherche kam jedoch Licht in die schattenreiche Biographie von Herrn Smithee. Ihn gibt es überhaupt nicht. Vielmehr ist „Alan Smithee“ ein Pseudonym für Regisseure, die auf gar keinen Fall mit dem abgedrehten Streifen in Verbindung gebracht werden wollen.
Erstmals erschaffen wurde Smithee im Jahr 1969 für den Film „Death Of A Gunfighter„. Hauptdarsteller & Westernlegende Richard Widmark ließ aufgrund persönlicher Differenzen ungefähr zur Hälfte der Drehzeit Regisseur Don Siegel durch Robert Totten ersetzen. Keiner der beiden wollte am Ende für einen Film stehen, in dem größtenteils der Hauptdarsteller das Sagen hatte, und so ließ die Director’s Guild of America erstmals ein Pseudonym in den Credits zu.

In den nächsten 10 Jahren geriet die Streitigkeit ebenso wie Alan Smithee selbst in Vergessenheit – bis 1980 „City in Fear“ mit Mickey Rourke im Fernsehen anlief. Nach Abschluss der Dreharbeiten fügten die Produzenten weitere Mordszenen hinzu, die laut Regisseur Jud Taylor nichts zum Kontext des Films beitrugen. Er erinnerte sich an „Death Of A Gunfighter“ und ließ seinen Namen ebenfalls ersetzen.

In den 80ern und 90ern erlebte „Smithee“ nun einen wahren Siegeszug durch Hollywood – „Stitches„, „Let’s get Harry„, „Ghost Fever“ sowie die vorhin schon genannten „Hellraiser:Bloodline“ und „Mighty Ducks: The Movie„. Smithee war ein Star. Ein fiktiver, aber davon bekam zunächst niemand etwas mit.
Ja richtig – Das Pseudonym „Smithee“ war lange Zeit nur der Gilde und den Regisseuren selbst bekannt. Selbst die größten Kritiker, darunter Roger Ebert & die New York Times, gingen vorerst davon aus dass Smithee eine wahre Person ist.

Obskurer als die Wirklichkeit

Völlig verrückt wurde es dann jedoch 1998. Schreiberling Joe Eszterhas (hat auch Showgirls verbrochen) kam auf die glorreiche Idee, einen Film über einen Regisseur namens Alan Smithee zu schreiben, der so unzufrieden mit seinem neuesten Film ist, dass er seinen Namen ersetzen lassen möchte. Leider ist sein echter Name das einzig erlaubte Pseudonym in Hollywood, was zu einer obskuren Geschichte führen soll.
Tatsächlich ist der Film dermaßen mies, dass der Regisseur des Films nichts mit dem Streifen zu tun haben wollte – er ließ seinen Namen (nämlich Arthur Hiller, bekannt u.a. für „Die Glücksjäger„) entfernen und durch „Alan Smithee“ ersetzen. Fortan hieß der Film „An Alan Smithee Film: Burn Hollywood Burn„.
Als hierdurch auch der breiten Öffentlichkeit bekannt wurde das „Alan Smithee“ lediglich ein Pseudonym ist, schrieb die DGA vor das Pseudonym nicht mehr zu verwenden.
Freilich hielten sich nicht alle Regisseure daran: Etliche Filme wurden erneut unter dem Namen „Alan Smithee“ oder „Allen Smithee“ vermarktet, zeitweise auch als nett gemeinter Wink für Filmfans.

Smithee in der Neuzeit

Nicht nur Nischenfilme trugen seinen Namen – auch TV-Versionen, Flugzeug-Versionen und neu produzierte Cuts zierten sich im Schein von „Smithee“. Zum Beispiel auch „Rendezvous mit Joe Black“ (Flugzeugversion), Rudy oder Heat (TV-Versionen).
Und trotz der seltener gewordenen Verwendung von Smithee gibt es natürlich auch heute noch Differenzen unter Kreativen und Produzenten.
Und so zieren immer wieder Namen wie „Jan Jensen“ (Showgirls TV-Version, eigtl. von Paul Verhoeven) oder „Harry Kirkpatrick“ (eigtl. Alec Baldwin als Regisseur von „Shortcut to Happiness„) die Credits aktuellerer Filme.

Was macht Smithee also nun heute? Nachdem er 1998 offiziell in den Ruhestand getreten ist, stelle ich mir vor wie Smithee gemeinsam mit Elvis eine Runde Golf spielt. Nach Loch 18 verabschiedet er sich noch schnell von Rumpelstilzchen und wird zu Hause von seiner reizenden Frau L.I.S.A begrüßt.
Im Sessel sitzend, blickt er angestrengt an die Wand. Und da kommt es ihm: „Man müsste mal einen Film über unsichtbare Deo-Aliens drehen!

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